Pfefferles Open Web

von Matthias Pfefferle | Screenguide #27, Technologie

Aral Balkans Ind.ie-Projekt hat in den letzten Monaten etwas für Verwirrung gesorgt. Ursprünglich wollte er ein faires und unabhängiges (Indie-)Handy auf den Markt bringen; am Ende wurde es dann doch nur eine Handy-App. Außerdem entschied er sich dafür – leider erst nach einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne –, den Android Client auf unbestimmte Zeit zu verschieben und sich ausschließlich auf iOS zu konzentrieren.

Pfefferschote 

Vor ein paar Jahren hat mich ein Bekannter auf das Fair-Phone-Projekt aufmerksam gemacht. Ein fair produziertes Android-Smartphone, das aber leider, wegen der geringen Stückzahlen, nur schwer zu bekommen ist. Zwar entstehen mit Firefox OS, Sailfish OS und Ubuntu Mobile weitere offene Alternativen zu Android bzw. iOS, der Hardware-Bereich ist aber immer noch spärlich besetzt. Umso mehr hat es mich gefreut, als Aral Balkan das Indie Phone, eine Art Fair-Phone mit einem unabhängigen
und selbst entwickelten Betriebssystem, das erste Mal präsentierte. Leider hat sich das Produkt aber nicht so entwickelt, wie ich es mir erhofft hatte.

Codename Prometheus

Aral Balkan erwähnt im Juli 2013 das erste Mal das Projekt Prometheus. Laut dem Paste Magazin ist Balkan schon seit 15 Jahren Teil verschiedener Indie-Tech- und Design-Communitys und hält Vorträge auf verschiedenen Konferenzen rund um den Globus [goo.gl/bhEd8R]. Die Veröffentlichungen von Edward Snowden über die Spionage-Aktionen der NSA nimmt Balkan zum Anlass, ein eigenes Projekt zu starten. Codename Prometheus ist eine Initiative, mit der er »eine offene Plattform für Endkunden schaffen will, die sich in ihrer User-Experience mit den Produkten von Apple und Google messen kann« [goo.gl/58rfoV]. Um was für ein Produkt es sich handelt, wird in diesem Artikel noch nicht genau beschrieben, aber Aral Balkan erwähnt, dass es sich um eine Kombination von Hardware, Software und Cloud-Services handelt – und es fällt auch schon der Begriff »phone«.

Indie Phone, IndieWeb und IndieTech

Im Dezember 2013 kündigt Balkan dann offiziell das »Indie Phone« an [ind.ie/blog/1]. In dem »Indie Phone«-Newsletter schreibt er: »Wir haben das Indie Phone, das Indie OS und die Indie Cloud auf der Handheld Conference in Cardiff vor den Augen der tausend Designer und Entwickler gestartet (launched).« Balkan ist der Meinung, dass ein Handy nur dann wirklich unabhängig sein kann, wenn man alle Komponenten steuern/kontrollieren kann. Die Idee »Alles aus einer Hand« erinnert stark an Apple, und auch der Vortrag auf der Handheld Conference ähnelt stark den Keynotes von Steve Jobs [goo.gl/7p47XX].

Nebenher beschäftigt sich Balkan viel mit generellen IndieWeb-Werten, wie z.B. »own your data« [goo.gl/4cmWLT, siehe auch Screenguide 26, S. 34 ff.], organisiert ein IndieWebCamp und verfasst das Indie Tech Manifesto. Über das Manifesto entsteht auch der Kontakt mit dem Gründer des sozialen Netzwerks Ello (siehe Screenguide 25, Seite 92 f.), einem sozialen Netzwerk mit ähnlichen Werten, wie sie auch Balkan
vertritt.

Project Stratosphere

Bis Anfang 2014 dreht sich die Berichterstattung fast ausschließlich um das Indie Phone, dann scheint das Team seinen Hardware-Fokus zu verlieren. Balkan verzettelt sich in Kleinigkeiten wie z.B. der Projekt-Website, einer neuen Domain, einem neuen Logo, einem HTML5 Video Player, einer offenen Alternative zu Apples Programmiersprache Swift und einem Sync-Service namens Pulse [goo.gl/Sc5ddg].

Im September kehrt er Ello den Rücken, da das Social Network zuvor Venture Capital angenommen hatte [goo.gl/3qMJJn]. Balkan ist der Meinung, dass Ello dadurch seine Nutzer verkaufe und sich von den Geldgebern abhängig mache. Er distanziert sich außerdem von der IndieWeb-Bewegung und legt viel Wert auf eine klare Unterscheidung beider Projekte [goo.gl/62ZNGq].

Ende 2014 und Anfang 2015 verwirft Ind.ie dann alle bisherigen Projekte und orientiert sich wieder komplett neu. Die Gruppe arbeitet jetzt ausschließlich an Heartbeat, einem »Social Network Client« oder, wie es in der Ankündigung steht, einer Art »Indienet Browser« [ind.ie/vision], und dem Sync-Service Pulse. Das Indie Phone und das Indie OS werden dagegen auf 2016 verschoben (Abb. 1). Um den Heartbeat Client für Android, iOS und Mac zu finanzieren, startet Balkan eine Crowdfunding-Kampagne, die knapp 110.000 US-Dollar einspielt. Nach der erfolgreichen Finanzierung entscheidet sich das Team dann aber doch gegen Pulse und den Android Client und entwickelt Heartbeat ausschließlich für Apple-Produkte. Balkan begründet seine Entscheidung mit der Größe des Teams. Er will keine weitere »glanzlose« freie Software bauen, und deshalb sei es wichtig, sich auf »ein Produkt und eine Plattform« zu konzentrieren. Die Entscheidung für den Mac hat hauptsächlich ästhetische Gründe. Apple legt, in seinen Augen, mehr Wert auf User Experience und lebt vom Verkauf echter Produkte. Google erwirtschaftet dagegen fast ausschließlich Geld durch den Verkauf von Profil-Daten an Werbetreibende. Balkan spricht hier von Spyware 2.0. Die Entscheidung gegen Android bzw. das Streichen von Pulse hat für viel Kritik auf Twitter gesorgt und Ind.ie fühlte sich genötigt, viele der zuvor gezahlten Beträge wieder zurückzuerstatten. Aral Balkan nimmt die Kritik oft sehr persönlich und reagiert emotional bis hin zu beleidigend [goo.gl/nP12E2].

Auf der Webseite findet man leider weder Informationen zu Heartbeat noch zu dem Stand des »Indienet Browser«. Selbst das Weblog verliert, seit dem Artikel über die Neuausrichtung, kein Wort über den aktuellen Status des Projekts. Dabei soll sich Heartbeat, laut Roadmap (Abb. 1), schon seit März in einer »Private Beta« befinden. Über einen E-Mail-Newsletter werden die Unterstützer der Crowdfunding-Kampagne zwar darüber informiert, wann mit einer ersten Beta zu rechnen ist und warum sich das Datum immer weiter verzögert, aber direkte Informationen zum aktuellen Stand von Heartbeat erhält man auch hier nicht. Es ist faszinierend und unbegreiflich, wie ein Projekt, das auf der ganzen Webseite lediglich mit »Teile die Dinge, die dir wichtig sind, mit Personen, denen du vertraust (und mit niemand anders)« beschrieben wird, bisher mehr als 100.000 US-Dollar einspielen konnte.

Fazit

Ein alternatives und »unabhängiges« Smartphone ist sicherlich ein großes Projekt und mit viel Kosten verbunden. Es ist wahrscheinlich auch notwendig, schrittweise auf das finale Produkt hinzuarbeiten. Ein Social Network Client für Apple-Produkte ist aber weder ein kleiner noch ein sinnvoller Schritt in Richtung »unabhängiges« Smartphone. Es gibt genug offene und faire soziale Netzwerke (beispielsweise das erwähnte Ello) bzw. Chat Clients, weshalb ich wirklich nicht verstehen kann, dass gerade eine Organisation, die ein Smartphone entwickeln will, mit einem »Indienet Browser« startet.

Auch wenn der Social Network Client zeitnah veröffentlicht wird und sich das Team wieder dem Indie Phone widmen kann, bezweifle ich, dass der Ansatz von Balkan Erfolg verspricht. Alle Komponenten aus einer Hand sind definitiv ein Erfolgsrezept, wie Apple bewiesen hat, aber mit »indie« wird es dann nicht mehr viel zu tun haben. Selbst wenn Balkan garantiert, dass seine Services sicher sind und die Daten vertraulich behandelt werden, macht man sich abhängig von seiner Firma und seinen Produkten. Sicherlich wird es möglich sein, einzelne Komponenten selbst zu hosten, aber welcher Endanwender ist dazu wirklich in der Lage? Apple erlaubt auch diverse Alternativen zu iCloud (z.B. CalDAV, CardDAV und WebDAV), trotzdem benutzen die meisten Anwender den Apple Service. Nicht nur wegen mangelnden Wissens, sondern wegen des guten Services und der Bequemlichkeit.

Statt seine Zeit und sein Geld mit diversen Code Snippets, einer Programmiersprache und einem Social Network Client zu vergeuden, hätte sich Balkan vielleicht lieber mit Mozilla, Ubuntu, Fair-Phone oder ownCloud an einen Tisch gesetzt und einen Prototypen seines Indie Phones planen sollen. Die erste Version wäre sicherlich nicht perfekt, aber auf alle Fälle »indie«.

Bis zum nächsten Mal!

Matthias Pfefferle 

Matthias Pfefferle

ist Webentwickler, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit offenen Standards wie OpenID, OStatus oder Microformats und versucht, mit seiner Kolumne und seinem Weblog das Thema speziell in Deutschland voranzutreiben.

Twitter: @pfefferle

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