Code ex machina

von Nicolai Schwarz | Screenguide #25, Editorial

Als professionelle Frontend-Entwickler rümpfen wir automatisch die Nase, wenn von visuellen Webbaukästen die Rede ist. Zu sehr weichen die Ergebnisse von unseren Ansprüchen ab. Doch wir sollten regelmäßig einen Blick auf diese Tools werfen, um zu sehen, was sie mittlerweile leisten. Denn irgendwann werden sie unsere Jobs übernehmen.

 

Im Web buhlen einige neue visuelle Editoren um Aufmerksamkeit. Froont wirbt mit „Design the web, the visual way”, Macaw kann gar mit einer Empfehlung von Jeffrey Zeldman aufwarten: „The superhot web design tool of the future”. Vor zehn Jahren haben die Profis GoLive und Dreamweaver gemieden, weil der generierte Code der WYSIWYG-Editoren nicht gängigen Webstandards entsprach. Aber was lässt sich heutzutage mit Drag & Drop erreichen? Mirko Lemme hat vier Tools – Webflow, Macaw, Froont und Adobe Edge Reflow – unter die Lupe genommen (Seite 54). Keine Sorge: Noch müssen Frontend-Entwickler nicht um ihre Jobs bangen. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Tools clever genug sind, um bestimmte Aufgaben zufriedenstellend erledigen zu können. Wir vertrauen bereits jetzt dem Code von Content-Management-Systemen, Themes, Frameworks und JavaScript-Bibliotheken, schließlich können wir nicht jede Zeile selbst überprüfen. Warum sollte uns nicht auch computergenerierter Code die Arbeit erleichtern? Wenn Sie dazu noch die Entwicklungen der Spracherkennung (von Siri bis hin zu Amazons Echo) berücksichtigen, werden wir dann in zehn Jahren vielleicht sogar das Design „ansagen”? „Die Infobox bitte auf die andere Seite und die Hintergrundfarbe aufhellen!” Ganz lässig, aus unserem bequemen Sessel heraus, mit Blick auf den Vier-Meter-Bildschirm an der Wand. Dann wiederum gibt es interessante Experimente wie „The Grid” (siehe Tools), die uns vielleicht auch noch das Designen ganz abnehmen. Und was machen all die Webworker dann? Sie könnten sich auf den Content konzentrieren. Andererseits: Forbes lässt sich bereits heute über das Tool Quill von Narrative Science automatisiert Finanzmeldungen schreiben. Vielleicht beschränkt sich unser Schreiben irgendwann ebenso darauf, ein Thema und eine Stimmung vorzugeben und nur am Ende eine Meinung zu ergänzen? Aber wahrscheinlich lässt sich unsere Meinung auch gleich automatisiert hinzufügen.

Dabei erwarten viele Leute heute schon, dass Dinge automatisch, auf geradezu magische Weise erledigt werden. In letzter Zeit habe ich häufiger Beschwerden gehört, dass die Kosten für ein Barcamp mit 20 Euro zu hoch seien, dass es kein üppiges Essen gebe oder dass Teilnehmer den Check-in übernehmen müssten. Das klingt reichlich verwöhnt und wird all den Menschen nicht gerecht, die sich die Mühe machen, die vielen Konferenzen, Barcamps und die Webmontage zu organisieren. Deshalb werfen wir in diesem Heft einen Blick hinter die Kulissen und lassen Joschi Kuphal erzählen, wie viel Arbeit und Zeit in solch ein Event fließen können (Seite 48).

Außerdem bietet Ihnen diese Ausgabe nützliche Tipps und Anleitungen etwa zu barrierefreien PDFs, CSS-Filtern, bildschirmfüllenden Videos, ECMAScript 6 oder zur Bing-Plattform. Leider funktioniert auch dort noch nicht alles automatisch, sodass Sie sich selbst um den Code bemühen müssen. Zumindest für ein paar Jahre – bis die Maschinen alles übernehmen.

„This mission is too important for me to allow you to jeopardize it.” (HAL)

Nicolai Schwarz

Nicolai Schwarz 

Nicolai Schwarz

kümmert sich am liebsten um guten Content. So auch bei der Screenguide. Wenn er dort nicht gerade Inhalte auf Herz und Nieren prüft, arbeitet er als selbstständiger Designer und Webentwickler, hauptsächlich in Drupal-Projekten.

Twitter: @textformer

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