Black Bot

von Nicolai Schwarz | Screenguide #31, Diverses

Chatbots sind auf dem Vormarsch und übernehmen für Unternehmen – früher oder später – die Kommunikation. Wir können nach dem Wetter fragen. Nach einem Taxi. Nach News. Oder nach Tipps fürs Wochenende. Das lässt sich doch ausbauen.

 

Alle experimentieren mit Chatbots. Die Services Digit oder Penny zum Beispiel sollen dabei helfen, Geld zu sparen. Beide Apps sind wie ein Chat aufgebaut. Die Nutzer unterhalten sich quasi mit dem Service – natürlich mit eingeschränkten Möglichkeiten. Facebook hat gerade erst Chatbots für CNN (News), Spring (Shopping) und Poncho (Wetter) veröffentlicht. Richtig interessant wird es jedoch, wenn die Bots nicht nur auf bestimmte Codewörter reagieren und wenige vorgefertigte Antworten geben. Das Spannende ist die Kombination mit echter künstlicher Intelligenz. So wie Microsofts Chatbot Tay etwa – nur vorzugsweise eben nicht rassistisch (siehe auch Seite 8).

Nun werden die Chatbots bisher so vorgestellt, dass sie in erster Linie Dienstleistern die Arbeit abnehmen und Fragen beantworten oder kleine Aufgaben übernehmen. Das, was auch Siri & Co. machen, aber spezialisierter und in Textform. Was ich hingegen gerne hätte: Eine ganze Armada an Chatbots, die (irgendwann einmal) Aufgaben von Personen übernehmen und an unserer Stelle Konversation treiben, wenn wir gerade keine Zeit oder keine Lust haben. Me-Bots, die uns gut genug imitieren können, inklusive Stimmungen, Wortwahl und Satzbau. Wie wäre es mit einem Birthdaybot, der automatisch jedem Freund einen Geburtstagsgruß auf der Pinnwand hinterlässt? Man muss sich nie wieder dafür rechtfertigen, dass man vergessen hat, sich zu melden. Und die Bots werden auch eine größere Vielfalt haben, als zum hundertsten Mal „Alles Gute zum Geburtstag” zu schreiben. Oder ein Familybot, angesetzt auf Mutter, Oma und Tante. Dann freuen die sich darüber, dass man sich öfter meldet und auch noch gesprächiger ist. Dazu dürften bereits 100, 200 vorgefertigte Texte mit kleinen Varianten genügen, gekoppelt an die Events im Terminkalender. Und natürlich gehört auch ein Trollbot dazu, der sich regelmäßig über das Wetter, den Paketdienst und die Deutsche Bahn aufregt. Aus Prinzip.

In dem Maße, in dem sich die künstlichen Intelligenzen weiterentwickeln, werden unsere Me-Bots immer mehr Aufgaben übernehmen können. Vorstellbar wäre ein Truthbot, der Posts anderer Leute in sozialen Netzwerken auf den Wahrheitsgehalt überprüft und – wenn nötig – „Fake” oder „Nope” kommentiert, samt Link zur wahren Geschichte zum Nachlesen. Nützlich ist auch der Mailbot, der einfach alle Nachrichten in Eigenregie beantwortet. Damit ist das Prinzip der Zero Inbox kein Problem. Und der Auto-Responder zur Urlaubszeit ist auch nicht mehr nötig. Eine hohe Nachfrage dürfte es für den Datebot geben, der uns beim Flirten unterstützt (oder es uns gleich ganz abnimmt), dabei aber deutlich charmanter und witziger rüberkommt. Beim ersten Date muss man dann natürlich selbst glänzen, aber zumindest gibt es so überhaupt ein erstes Date.

Und da so eine künstliche Intelligenz am besten arbeitet, wenn sie möglichst viel Material über die jeweilige Person gesammelt hat, werden all die kleinen, spezialiserten Bots irgendwann zusammenwachsen zu einzelnen Me-Bots. Digitale Alter Egos, die uns ans Herz wachsen wie ein Auto oder ein Stofftier. Die wir auch mit einem eigenen Namen versehen werden. Meinen Me-Bot werde ich „Black Bot” nennen. Abgeleitet von Black Box – weil ich keine Ahnung habe, wie sein Algorithmus genau funktioniert. Ebenso gibt es einen Bezug zu Black Bolt, einen Charakter aus Marvels Comic-Universum, der die meiste Zeit nicht redet (ich will ja auch nicht reden). Und natürlich korrespondiert Black mit meinem Nachnamen. Passt.

Und wenn das nächste Mal auf Netflix und Amazon Prime nichts Vernünftiges zu finden ist, starte ich einfach ein Dutzend Gespräche, lehne mich mit einer Packung Popcorn zurück und lese mir genüsslich all die geistreichen Konversationen durch, die mein Black Bot mit der großen, weiten Welt führt. Natürlich, wenn es erst einmal so weit ist, sitzt auf der anderen Seite vermutlich auch nur ein entsprechender Me-Bot, der das Gespräch am Laufen hält, während sein Herrchen seit Stunden in einem VR-Game herumirrt.

Übrigens ist das alles nicht so weit entfernt, wie man vielleicht vermuten mag. Für Google Inbox gibt es etwa bereits eine „Smart Reply”-Funktion, die drei Antworten auf eine E-Mail vorschlägt. Und erst kürzlich hat Ray Kurzweil erzählt, dass sein Team bei Google noch in diesem Jahr einige Chatbots vorstellen wird. Dabei soll es auch möglich sein, einen eigenen Bot zu kreieren, indem Sie ihn mit Material aus Ihrem Blog füttern. Der Chatbot übernimmt dann Ihren Stil, Ihre Ideen und Persönlichkeit.

Nicolai Schwarz 

Nicolai Schwarz

kümmert sich am liebsten um guten Content. So auch bei der Screenguide. Wenn er dort nicht gerade Inhalte auf Herz und Nieren prüft, arbeitet er als selbstständiger Designer und Webentwickler, hauptsächlich in Drupal-Projekten.

Twitter: @textformer

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