Aufwärts!

von Nils Pooker | Screenguide #24, Diverses

Beruflicher Erfolg ist eine schöne Nebenwirkung selbstständiger und frei gewählter Tätigkeit. Im Laufe der Jahre wird alles immer besser: größere Aufträge, interessantere Relaunches, häufigere Empfehlungen, mehr Ruhm. Und das Hamsterrad dreht sich schneller und schneller.

 

Die ersten zwei bis drei Jahre als selbstständiger Webdesigner oder Webentwickler wurden erfolgreich und ohne größere Blessuren gemeistert, ab jetzt gibt es nur noch einen Weg: höher, weiter, besser, mehr. Jeder Auftrag, der komplexer und anspruchsvoller als der vorhergehende ist, wird mit euphorischer Spannung angenommen. Zwei parallel schafft man auch locker, auch zwei große, Freizeit wird überbewertet. Wozu hat man schließlich die Selbstständigkeit gewählt, doch nicht, um nach 40 Stunden den Stift fallen zu lassen. Klaus braucht eine nette »Hompäitsch« für seine Autoschrauberwerkstatt? Schiebt man dazwischen, Ruhm, Ehre und Referenzen gibt es ja mit den beiden großen Projekten.

Hossa, mehr Arbeit als gedacht, super Jahr, die Bezahlung stimmt, ein neuer Monitor muss her, und warum nicht auch ein neuer Rechner? Eben ist schon wieder ein neuer Auftrag reingekommen, geht noch rein, ausnahmsweise sind 50 Wochenstunden kein Problem, oder, Schatz? Auswärts essen ist viel schöner als stundenlang am Herd zu stehen. Verschenkte Arbeitszeit. Vielleicht noch ein Zweitmonitor und da, MS Office im Angebot? Warum nicht, Open Source ist doch nicht so gut wie das Original. Die monatliche Rate für die Adobe Collection ist eigentlich auch locker drin. Siehe da, die ersten Kunden aus den Anfangsjahren wollen einen Relaunch. Geh doch schon mal ins Bett, Schatz, dauert hier noch, Schlaf wird überbewertet, am Wochenende unternehmen wir was, bestimmt.

Gewinne, Finanzamt, Abschreibung. Steuerberatung hat mir das erklärt, keine direkte Abschreibung für das teure Equipment. Noch blöder, neben der Steuernachzahlung jetzt auch eine schmerzhafte Erhöhung der Vorauszahlung, und für das laufende Jahr schon mal Geld verdienen fürs Finanzamt? Na klasse, zum Glück viele neue Aufträge. 60 Wochenstunden, für einen Freiberufler sowieso Standard. Mist, die Website läuft nicht korrekt auf IE8, das will der Kunde unbedingt, muss am Montag fertig sein, egal, den Geburtstag feiert Tante Lisa auch nächstes Jahr wieder, heute geht’s nicht. Klaus’ Kumpel verkauft Oldtimer und will eine richtig tolle Website. ASAP. Na gut, da passt sogar noch ein Kurztrip nach London rein, langer Urlaub wird überbewertet, nächstes Jahr, Schatz, bestimmt, ich muss da gerade eine neue Technik lernen, das ist wichtig.

Gut, alles etwas stressig, aber das gehört dazu, es wird irgendwann ruhiger, in ein paar Jahren. Kundentelefonate und E-Mails immer ab spätem Vormittag, egal, Mittagessen wird überbewertet, Kaffee reicht. Die Aktualisierung für eine Website vergessen, wieder Nachtarbeit, super, immerhin nicht kostenlos. 70 Wochenstunden, das kann man nicht verhindern, dafür hat man die Selbstständigkeit gewählt. Schnupfen, so ein Dreck, das passt jetzt überhaupt nicht, geht von selbst weg, Arzttermin muss abgesagt werden, nächsten Monat vielleicht, eh nur Blutdruck und Schlafstörungen. Nein, Schatz, das sind Fachbücher, und ja, das ist im Bett entspannend. Könntest du vielleicht Lisa und Thomas allein besuchen, du weißt ja, der Job. Superwichtig.

Design hat bei drei Projekten viel zu lange gebraucht, unbezahlte Mehrarbeit, aber superwichtige Kunden, tolle Referenzen fürs Portfolio, das muss perfekt werden, absolut perfekt. Nein, Schatz, dann musst du eben alleine in den Urlaub fahren, da kam noch was rein, nimm doch jemanden mit, es ist doch nicht zu ändern. Nein, die Konferenz ist was anderes, das ist wirklich wichtig, verdammt noch mal. Kein Privatleben, na und? So wie andere arbeiten, möchten Selbstständige mal ihren Urlaub verbringen, alles Weicheier. Praktikant kommt wieder zu spät, der fliegt jetzt raus, Knallcharge, wenn man nicht alles selbst macht, SEO-Experte hat sich nicht umgehend gemeldet, und Klaus glaubt, man arbeite nur für ihn. Nur von Vollidioten und Versagern umgeben. Großzügigkeit wird überbewertet, aber so was von.

»Ja, das Herz. Kundenanrufe alle abgewimmelt. Nein, es war zum Glück rechtzeitig. Smartphone, iPad, alles liegt auf dem Tischchen neben dem Bett, unangetastet, stell’ dir das mal vor. Er sitzt immer noch auf der Bank und sieht den Kindern zu, die mit einem Hund spielen. Ja, Hund und Katze, wirklich, will er tatsächlich, sobald er aus dem Krankenhaus raus ist.«

Nils Pooker 

Nils Pooker

hat lange als Kopist und Auftragskünstler gearbeitet, seit 2000 ist er selbständiger Webdesigner und Autor des Buches „Der erfolgreiche Webdesigner” (Galileo Press). Nach 25 Jahren widmet er sich nun auch wieder der freien Malerei.

Twitter: @pookerman

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